Das Jüngferlein von Avalon


Die Geschichte einer Jugend von Angelika Harten
ausgezeichnet mit dem Graf-Schaffgotsch-Preis des Borromäusvereins.

Auszug Seite 5 ff: Auf der obersten Terrasse des Berggartens steht der alte Herzkirschenbaum. So hoch, dass Rosemarie Falkner, wenn sie, wie heute an dem sonnenheißen Julinachmittag, auf ihrem Lugaus in den höchsten Ästen sitzt, weit hinausschauen kann über das Dach des väterlichen Hauses unten im Garten, über das Gewirre vieler anderer Dächer und Türme, über Wiesen und Felder bis an die stolzen Wälder der Kummerberge. Die Kummerwälder stürmen wie riesige Heere dräuender Krieger mit ihren dichtgedrängten grünen und schwärzlichen Baummassen die blaue Höhenferne. Als ob das Glück da oben wohne und zu erobern sei.
Die Stadtmauer läuft hinter der obersten Gartenterrasse und dem Kirschbaume hin. Aber hier oben ist sie nicht die graue, bröckelige Uralte. Hier strahlt sie ordentlich in kraftvoller, ewig junger Schönheit in ihrem dunkelgrünen Ehrenkleid aus spitzblätterigem Waldefeu. Das hat sich im Lauf der Jahrhunderte still und treu der ehemalige Klostergarten geschaffen.
Rosemarie sitzt nicht müßig in ihrem dämmergrünen Hochsitz. Sie schreibt emsig in ein kleines dickes Buch. Das trägt auf lederner Einbanddecke die Aufschrift: „Mein Tagebuch“. Und auf die Titelseite hat Rosemarie in Frakturschrift mit Buchstaben, die auf windschiefen, unsicheren Beinchen stehen, geschrieben: „Zum Andenken an meine erste hl. Kommunion, im Mai 1869. Von Tante Walburga“. Dieses kleine, dicke Buch ist der Vertraute der jungen Rosemarie.

Leidenschaftliche Liebe in der Seele

Sie trägt ja eine schwärmerische, fast leidenschaftliche Liebe in der Seele: die Liebe zur Natur, ein frühzeitiges Empfinden ihrer Erhabenheit und Schönheit, aber auch ihrer herzbezwingenden und tröstenden Traulichkeit. Und es drängt sie so oft niederzuschreiben, was ihr dreizehnjähriges Herz ungestüm ergreift und in selige, reine Höhen hebt beim Anblick der ewig wechselnden Bilder in Gottes wundervoller Schöpfung.
Aber sie schreibt nur hier oben in der luftigen, grünen Märchenburg. Da sieht niemand zu als die wandernden Wolken, die auf den weiten Himmelsstraßen in unbekannte Fernen ziehen, als Drossel und Buntspecht, die einträchtig – die eine in hohem Wipfelnest, der andere in einem in Stammesmitte gelegenen Astloch – in Rosemaries Baumversteck wohnen. Und höchstens noch ein par kecke Zitronenfalter, die sich von den Rosenbeeten der unteren Terrassen verstiegen haben und wie heimlich der Schule entwischte Buben nun hier oben übermütig herumtollen. Dann vielleicht noch ein paar wohlgesetzte Hummeln, die mit geschäftigem Hausfraueneifer vorbeibrummeln, hier und da einen Augenblick einhalten und unmutig aufläuten: „Hm! Hm! Hm! Was sitzt denn das faule Ding da und guckt in die Welt mit verträumten Sinnen!“
Ach, wie gut war es, das kleine verschwiegene Buch zu haben mit dem festen Schlösschen, das den Inhalt vor fremden Blicken barg! Zu denken, dass Bruder Karl jemals darin lesen könnte! Man müsste ja vergehen vor Scham!
Und doch ist’s auch heute wieder, als müsse sie all die leuchtende Schönheit in Himmel und Erde mit beiden Armen umfassen und ans Herz drücken: Den hohen, hohen, kornblumenblauen Sommerhimmel, durch den geheimnisvoll die goldenen Lichtströme schossen und Gott weiß wohin so lustig die weißen Wölkchen schwammen, die aussahen wie Engelsköpfchen; die alte Mauer mit dem Wartturm und dem grünglänzenden, schuppigen Efeupanzer auf der Heldenbrust, die schöngeschwungenen Äste der Obstbäume, darin zwischen grünem Laub die Edelfrüchte reiften, still und stetig wie alles wahre Gute. Vor allem aber die Blumen, ihre lieben, lieben Blumen! Da war ja gleich am Fuße ihres Herzkirschenbaumes in der kleinen, künstlich geschaffenen Steinwildnis das Alpengärtlein des Vaters mit den fremdartig schönen Blumen! Da stand der leuchtende Goldmohn in seinem zarten, wunderfein zerknitterten Seidenkleid auf ganz dünnem Stängel und schaute verträumt und zitternd der Sonne nach, wie ein aus fernem Land verschlagenes Königskind sich in der Fremde nach den Sternen der Heimat sehnt. Da waren die fröhlichen Kindergesichtchen der Alpenrosen mit den frischen Wänglein, dem weichen, grünen Blätterkleide und den derben braunen Schühchen. Da waren die zierlichen Habichtskräuter mit rotgoldenem Haar und hellen Augen. Die standen in Gruppen beisammen und ließen ihre feinen Blattspitzen im Mittagslüftchen wippen gleich erwartungsfrohen Jungfräulein, die zum erstenmal ihre Tanzschritte probieren.
Und da waren die königlichen Blumen der Tentianen! Vor allem der großblütige, tief azurblaue Enzian, der stengellos und geheimnisvoll in fremdartiger Schönheit aus der dunklen Erde sprießt und einem mit seinen Märchenaugen das Herz so seltsam bewegen kann, so dass es auffliegt und ganz weit wird vor froher Überraschung, und auch wieder schwer und traurig, und man selbst nicht weiß, warum. Vielleicht weil man die stumme Sprache des schönen Fremdlings nicht versteht? Und weil der, dessen Finger ihn aus den dunklen Tiefen der Erde holte, so fern, so himmelsferne ist?
Wie ernst und feierlich die von Sonnengold umspielten Wacholderbüsche am Rande der Steinwildnis stehen, und die dürftigen Stämmchen der Legföhren! Gleich dankbar demütigen Betern, die mit hocherhobenen Händen auf Gottes Segen warten.
Die ganze Natur hält den Atem an im goldenen Geheimnis dieser Mittagsstunde. Sogar der Specht, der sonst so unverdrossen arbeitet, hat zu hämmern aufgehört.

Auszug Seite 98 ff: Die beiden jüngeren Geschwister hatten inzwischen wieder einen Aufstieg in eines der höchsten Turmstübchen gemacht. Es hieß das Kräuterstübchen, weil dort von alters her die getrockneten Früchte und Kräuter aufbewahrt wurden. Ein unbeschreiblicher Mischmasch von allerhand würzigen Düften erfüllte die Luft und machte die tote Vergangenheit auf eigene Art lebendig. In einem Winkel des dämmerigen Gelasses stand das Spinnrad. Der Flachs hing noch wirr und bleich von der Kunkel [Spinnrocken, Spindel], der Hocker stand davor: es sah aus, als habe die Spinnerin sich soeben erst wegbegeben. „Das ist Dornröschens Kammer“, sagte Rosemarie. „Ich hab’ mich gefürchtet, hier lange allein zu bleiben. Deshalb ist auch der alte Koffer aus silbergrauem Seehundsfell da nicht untersucht.“
Aber der Schlüssel fehlte, und erst musste Willem zu Hilfe gerufen werden. Der machte seinen Beinamen „Tausendkünstler“ Ehre, indem er mittels eines starken, hakenförmig gebogenen Drahtes das Schloss zu öffnen verstand.
Ein leichter Lavendelduft entströmte einem alten Mullvorhang, der zum Schutze des Inhalts obenauf gespreitet war. „Hu! Wie ein wahrhaftiger Geist!“ sagte Rosemarie schnüffelnd und drängte sich näher an Karl heran. Unter der schützenden Hülle kam eine Anzahl kostbarer Damenkleider aus schweren geblümten Brokatstoffen und farbigem Seidensamt zum Vorschein. Sie waren alle nach der Mode aus der Zeit der großen französischen Revolution gearbeitet. Vielleicht sollten sie in jenen unruhigen Zeitläufen, deren letzte Bewegungen bis in diese weltfernen deutschen Waldtäler verzitterten, hier oben im festen Turmgemach verborgen werden?
Rosemarie stöberte begierig in den Tiefen des Koffers herum. Da waren seltsam hohe Koiffüren [Hauben] und Hütchen aus Gaze, lichter Seide, Spitzenrüschchen und Perlschnüren, kostbare, mit Silber und Goldfäden gestickte Beutel, kunstvoll mit Perlen und Halbedelsteinen besetzt. Alles war so wohlerhalten, als sei es soeben von sorglicher Hand geborgen worden.
Überrascht und ergriffen stand sie vor den plötzlich entdeckten Schätzen einer unbekannten Ahnfrau. Auch Karl konnte sich eines eigenen Schauers nicht erwehren. Da lag der vergängliche Tand so wunderbar durch fast hundert Jahre erhalten, dass die Farben der purpurnen, lichtblauen und apfelgrünen Seiden- und Samtstoffe leuchteten, als hätten sie gestern erst den Webstuhl verlassen.
Und wie lange waren die Glieder der Trägerin, die einst in diesen Staatsgewändern hoffnungsfroh zu den Festen des Lebens geschritten war, schon zu Staub zerfallen, lagen die Füße still nebeneinander im letzten Erdenbette, die sich in diesen weißen, goldgestickten Seidenschühchen zierlich zu den Klängen einer gravitätischen Gavotte oder eines heiteren Menuetts gedreht hatten. Wie lange waren die Augen zum traumlosen letzten Schlaf geschlossen, die einst unter diesen duftigen Häubchen und schimmernden Hütchen den geliebtesten Menschen, einem Verlobten, einem Gatten oder einem geliebten Kinde entgegenlachten?

Der Brief

„Es ist wahr!“ dachte Karl. „Der Menschen Tage sind wie Sommerlaub. Ob der Tod nun seine Massenbeute auf den Erntefeldern der Schlacht sucht, oder ob er das sorglich gehegte und gepflegte Blütenbäumchen im Burggarten schüttelt, die Blätter und Blüten fallen all, wenn ihre Zeit ist.“
Während er so in ernstes Sinnen versenkt dastand, hatte Rosemarie mit zagen Fingern die Goldschnüre eines Pompadours aus Purpursamt gelöst und den Inhalt untersucht.
Ein vergilbtes Spitzentüchlein, ein silberner Fingerhut, eine angefangene kirchliche Handarbeit, ein mit feinen Ranken aus rotem Seidenfaden besticktes Korporale, ein Rosenkranz aus Achatperlen und ein zusammengefaltetes Briefchen lagen darin. Die Tinte der Aufschrift war noch tiefschwarz, die Handschrift zeigte die großen verschnörkelten Buchstaben jener Zeit.

Der Brief enthielt nur wenige Zeilen. Mit Herzklopfen und banger Scham, als dringe sie durch eine verbotene Türe in das unbeschützte Geheimnis eines fremden Lebens, las Rosemarie:

Münster=Eiffel, den 17ten im Mertzen, am St. Gertruden=Tag.

An das Hochwohlgebohrene Fräulein,
Fräulein Marie Rose Falckener von Falckenbergh.

Unsere Ehrwürdige Frau Mutter thut Ihnen andurch zu wissen, dass sie Ew. Hochwohlgebohren Bitte wohl estimiert und reifflich überleget hat. Es stehet all so dem Eintritt des Fräuleins in unsere Genossenschaft nicht das Geringste im Wege. Zu jeder Stunde ist Ew. Liebden uns als neue Mitschwester von ganzem Hertzen willkommen.
In Anbetracht der unsicheren und unruhigen Zeitläufte, die das Reisen schwer und lästig machen, erlässt unsere liebe Ehrwürdige Mutter Ew. Hochwohlgebohren die persönliche vorherige Vorstellung. Der ganze Konvent der Schwestern, besonders aber die Ehrwürdige Frau Mutter Agnes, begrüßt unsere demnächstige Mitschwester in der Liebe unseres Herrn und Allerheiligsten Erlösers Jesu Christi.
Ew. Hochwohlgebohren ergebene Diener
Schwester Gertrud Satzfey
Aus der Genossenschaft der Schwestern von St. Salvator.“